Die geheimnisvolle Kraft des Skarabäus

Ich habe meine Modeausbildung parallel zum Studium der Geschichte gemacht und es war in einer der Vorlesungen, als mir der Skarabäus erstmals begegnet ist. Die Symbolik des heiligen Pillendrehers (lat.: Scarabaeus Sacer) muss einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben. Denn Jahre später, als ich mein Modelabel gründete, kam sie mir wieder in den Sinn. Die Bedeutung des Beschützers und Erneuerers der Natur, die ihm die alten Völker zugewiesen hatten, schien mir auch als Symbol für meine nachhaltige Designphilosophie geeignet. Produkte, die in unserer Werkstatt entstehen, sind langlebig und umweltfreundlich und haben durchdachte Funktionen, die Schutz im täglichen Leben bieten. Deshalb gebe ich euch in diesem Blogeintrag Einblick in die faszinierende Geschichte des heiligen Käfers, dessen Bedeutung bis in die Kultur unserer Gegenwart reicht:

 

Symbolismus

Insekten und insbesondere Käfer sind in der Geschichte der Menschheit ein beliebtes Symbol. Zunächst kultisch, entwickelte sich im 19. Jh ein Symbolismus der verschiedenen Bedeutungen. Die Menschen hatten eine große Nähe zu Tieren und sahen in ihnen Wesen mit höheren Kräften. Um selbst dämonische Macht zu erlangen, verwendeten sie Masken, die ihnen eine geheimnisvolle Kraft verleihen sollten. Davon zeugt auch eine Beobachtung, die der Anthropologe Theodor Koch-Grünberg in Nordwestbrasilien, am oberen Rio Aiary bei den Kaua gemacht hat:

„Zwei Maskentänzer schritten nebeneinander Hand in Hand unter Gesang vor- und rückwärts. Sie hielten unter den äußeren Armen ihre Tanzstäbe eingeklemmt und wälzten damit einen Stock, der die Kotkugel vorstellte, hin und her.“

Tanz der Mistkäfer (Koch-Grünberg, T. (1921).

 

Ursprung

Skarabäus ist die Bezeichnung für das Abbild des Scarabaeus Sacer, der in der Käfersymbolik eine bedeutende Rolle spielt. Biologisch stammt er – wie der uns vertraute Mistkäfer – aus der Familie der Blatthornkäfer (Scarabaeidae). Er ist im gesamten Mittelmeergebiet, in ganz Afrika, Kleinasien und in Südamerika beheimatet und hält  sich bevorzugt in sehr trockenen und sandigen Regionen auf – wie etwa Savannen und Halbwüsten. (Link Verminscout) An den Ufern des Nils genoss er schon in der Zeit vor den menschlichen Göttern große Verehrung. Das belegen Funde von getrockneten Käfern und deren Nachbildungen in prähistorischen Gräbern, die auf 3000 v. Chr. zurückdatieren. Später wurde diese Tradition von anderen Kulturen übernommen. Auch in phönizischen und punischen Gräbern auf Sardinien und in Etrurien wurden Nachbildungen des heiligen Pillendrehers gefunden.

 

Nachbildung

Skarabäen wurden jahrhundertelang in großer Zahl hergestellt und sind bis heute in großer Zahl erhalten geblieben. In der Regel hatten sie Amulettform. Denn sie waren dazu bestimmt, von den Lebenden getragen oder mitgeführt zu werden. Der Grad der Natürlichkeit variierte, aber normalerweise wurden zumindest der Kopf, das Flügelgehäuse und die Beine angedeutet. Die Länge variierte zwischen sechs und 40 Millimetern. Die Basis war flach und in der Regel mit Mustern oder Hieroglyphen versehen.

Skarabäen aus Edelsteinen sind eher selten. Meistens waren sie entweder aus Stein geschnitten oder aus ägyptischer Fayence geformt. Der am häufigsten verwendete Stein war eine Form von Steatit, ein weicher Stein, der beim Brennen hart wird. Ägyptische Fayence wurde aus zermahlenem Quarzsand hergestellt, der mit Ton, Metalloxiden, Kalk und Alkalien versetzt ist. Die meisten Skarabäen wurden nach dem Schnitzen oder Formen in hellem grün oder blau glasiert. Die Glasuren haben sich allerdings im Lauf der Zeit verfärbt oder verflüchtigt.

 

Gott Chepri

Die Gründe für die Beliebtheit des Skarabäus sind nicht ganz klar. Aber man nimmt an, dass sie religiöser Natur waren und auf den ägyptischen Gott Chepri zurückgehen. Darauf deutet auch der ägyptische Name des Käfers hin, der Cheper lautet und übersetzt sein und werden bedeutet. Chepri war eine von mehreren Manifestationen von Sonnengott Re, einem der wichtigsten ägyptischen Götter. Er war morgens der Skarabäuskäfer Chepri, der den großen Sonnenball langsam über den Horizont rollte. Abbildungen zeigen ihn oft mit Skarabäuskopf. (Shaw, Garry J. (2014)

 

Göttermacht

Im alten Ägypten glaubte man, der Sonnengott sei nicht aus der Vereinigung zweier verschiedengeschlechtlicher Wesen hervorgegangen, sondern ohne vorangehende Befruchtung aus einem Urstoff geboren worden. Der griechische Philosoph und Schriftsteller Plutarch schrieb:

„Man verehrte den Käfer, weil man in ihm dunkle Bilder von der Macht der Götter zu erblicken glaubte; beim Geschlecht der Käfer gibt es nämlich keine Weibchen, nur Männchen, die den Samen in eine aus Kot geformte Kugel legen; die wälzen sie dann, von rückwärts stoßend einher, gerade so wie auch die Sonne dem Schein nach den Himmel in entgegengesetzter Richtung treibt, während sie selbst vom Untergang zum Aufgang fortrückt.“

(Mestrius Plutarchus, circa 46 bis 125 aus: Klausnitzer, B. (2019))

 

Entzauberung

Heute weiß man, dass es auch weibliche Scarabaeus Sacer gibt. Vielmehr sind sie es, die den Kot pflanzenfressender Säugetiere zu einer Kugel rollen, ein Ei hineinlegen und im Boden vergraben. Die Larven ernähren sich von dem Kot, bis sie schließlich als junge Käfer quasi aus der Erde schlüpfen. Diese Beobachtung war es, die den Skarabäus im alten Ägypten zum Symbol für Befruchtung und Wiedergeburt machte.

Auch für die Bedeutung des heiligen Pillendrehers als Glücksbringer und Schutzsymbol gibt es eine zeitgenössische Erklärung. Demnach habe man diesem die Fähigkeit zugeschrieben, das Nilhochwasser frühzeitig zu spüren. Denn die Käfer entfernten sich bei Anstieg des Wasserstands vom Wasser und tauchten in den Häusern auf. Die Ägypter sahen darin die Ankündigung des ersehnten Nilhochwassers.

 

Bedeutungswandel

Die Bedeutung des Skarabäus änderte sich im Lauf der Zeit. Zunächst war es das Amulett, das Unheil abwenden und Glück bringen sollte. Die frühesten Funde von circa 2055 v. Chr. zeigen Gravuren mit den Namen von Pharaonen und anderen royalen Personen. Pharaonen wurden nach ihrem Tod als (menschliche) Götter verehrt. Die Verbindungen zwischen den Namen auf den Skarabäen und deren Besitzern sind aber nicht ganz klar. Denn die Namen von Pharaonen waren auch beim Volk beliebt. Es könnte sich also auch um Skarabäen von Bürgern handeln. Aber je länger ein König regierte, desto mehr Skarabäen mit einem oder mehreren seiner Namen wurden gefunden.

Später waren auch Namen und Titel von Beamten eingraviert und das Motiv wurde als offizielles Siegel verwendet  (circa ab 2040 v. Chr.). Zwischen dem 11. und 16. Jh v. Chr. trugen die Skarabäen zunehmend die Namen von Göttern – verbunden mit Gebeten oder Devisen wie „Mit Ra im Rücken gibt es nichts zu befürchten“. Die Inschriften dieser Wunschskarabäen, sind oft schwer zu übersetzen.

(Zitat)

„Mit Ra im Rücken gibt es nichts zu befürchten“.

Skarabäus Gravur aus der Zeit zwischen dem 11. und 16. Jh v. Chr.

Mit der Herstellung von Gedenkskarabäen wurden besondere königliche Errungenschaften gefeiert, wie die Errichtung von Obelisken an großen Tempeln während der langen Herrschaft des kriegerischen Thutmosis III. (1486 – 1425 v.Chr.) Sie wurden an Orten gefunden, die vermuten lassen, dass sie als königliche Geschenke beziehungsweise Propaganda für diplomatische Aktivitäten verschickt wurden. Später war es Amenhotep III. (1388 bis um 1351 v. Chr.), der mit besonders fein gefertigten Gedenkskarabäen Berühmtheit erlangte. Diese trugen lange Inschriften, die eines der fünf wichtigsten Ereignisse seiner Regierungszeit beschreiben.

Manchmal wurden Skarabäen als Teil der persönlichen Habe des Verstorbenen oder als Schmuck in die Gräber gelegt. Es gab jedoch auch Arten von Skarabäen, die speziell für Bestattungen bestimmt waren: Darunter der Herzskarabäus, der als das Herz der Göttin Isis gilt, die in der ägyptischen Mythologie die Geburt, die Wiedergeburt, die Magie und den Tod verkörpert. Die Herzskarabäen wurden in den Grabstätten neben das Herz der Mumien gelegt und waren mit den Namen des Verstorbenen und dem Zauberspruch 30B aus dem Buch der Toten beschriftet. Der Spruch befiehlt dem Herzen des Verstorbenen nicht gegen den Verstorbenen zu sprechen, wenn dieser von den Göttern der Unterwelt gerichtet wird. Die ältesten Funde reichen bis circa 1750 v. Chr. zurück.

 

Gegenwartskultur

In Gestalt der Cherubim reicht die Tradition der schützenden Symbolik des Skarabäus auch in unsere Kultur und bis in die Gegenwart. Denn auch der Cherub (Karab, Kerb) der jüdischen Religion leitet sich vom Skarabäus ab. Der Prophet Ezechiel beschreibt die Cherubim als Tiergestalten mit vier Flügeln. Aus dem heiligen Pillendreher wurden also mythische Gestalten. In der Bibel sind Cherubim Engel von hohem Rang und werden für besondere Aufgaben herangezogen. Sie unterscheiden sich von der Engelsklasse der Seraphim, die von menschenähnlicher Gestalt sind. Erstmals tauchen sie in der Genesis auf, wo sie nach dem Sündenfall und der Vertreibung von Adam und Eva aus dem Garten Eden von Gott als Wächter vor dessen Zugang aufgestellt werden.

 

Quellen:

Klausnitzer, B. (2019). Wunderwelt der Käfer. Berlin: Springer Verlag.

Shaw, G. J. (2014). The Egyptian Myths. London: Thames & Hudson.

Koch-Grünberg, T. (1921). Zwei Jahre unter den Indianern Nordwestbrasiliens. Stuttgart: Strecker und Schröder.

Wikipedia Scarab (artifact) abgerufen am 6. Oktober 2021;